Armenisch-Akademischer Verein 1860 e.V.

Bäume eignen sich gut als Symbole. Sie sind langlebig, sie halten viel aus und geben neue Triebe. Sie stehen für das Leben. Für Azat Ordukhanyan, den Vorsitzenden des Armenisch-Akademischen Vereins 1860 e.V. bedeuten sie ein „grünes wachsendes Fundament für die deutsch-armenische Freundschaft. Diese Bäume sind Brückenbauer zwischen beiden Nationen“, sagt Ordukhanyan.
 
155 Bäume aus Armenien brachte er im April 2015 nach Deutschland, um sie der Stadt Bochum zu schenken. Ein willkommenes Geschenk für die Stadt, die im Jahr 2014 durch einen starken Sturm tausende Bäume verlor. Etwa 50 Setzlinge fanden ihren Platz auf der Schmechtingwiese im Bochumer Zentralpark. „Der deutsch-armenische Garten soll später den Namen Theophanu tragen; der armenischen Prinzessin auf dem deutschen Thron. Noch im 10. Jahrhundert sprach die spätere Kaiserin davon, wie wichtig es sei, ein vereintes Europa zu haben. Sie war eine ergebene Kaiserin des deutschen Volkes“, sagt Ordukhanyan und fügt hinzu: „Wie die Armenier eben so sind. Sie integrieren sich schnell in die Gesellschaft und sind ihrer Wahlheimat treu.“  
 
Der deutsch-armenische Garten steht unter der Schirmherrschaft des Präsidenten des Deutschen Bundestages Norbert Lammert.
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Oberbürgermeisterin der Stadt Bochum zusammen mit Azat Ordukhanyan bei der Baumpflanzung in Bochum.
 
Gepflanzt wurden Morgenländische Platanen, die im Kaukasus nur in Armenien gezüchtet werden. Diese Bäume leben fast 2.000 Jahre. Die restlichen Bäume, darunter Nussbäume, Trauerweiden und Flieder werden  Schulen, Museen, Kirchen und Archiven in Deutschland gespendet. „Die Schirmherrschaft für die Bäume tragen dann die Schüler und das ist eine gute Gelegenheit, um mehr über Armenien zu erfahren“, so Ordukhanyan. 
 
Die Zahl 155 ist mit Bedacht gewählt. Sie erinnert nämlich an die Gründung des Armenisch-Akademischen Vereins im Jahr 1860. 

Die Schriftenreihe des Armenisch-Akademischen Vereins 1860 e.V.
 
Manuk Abeghian, Levon Schant und andere 
 
Das Literatur-Institut namens M. Abeghian mitten in Jerewan ist den Armeniern dort gut bekannt. Abeghians wissenschaftliche Abhandlungen sind heute Pflichtlektüre an armenischen Universitäten. Manuk Abeghian war einst Student in Deutschland und leitete in den 1890er Jahren den Armenisch-Akademischen Verein. Vor mehr als einhundert Jahren, weit vor dem Genozid an den Armeniern, empfing der Verein viele namhafte Persönlichkeiten, wie den Begründer der modernen klassischen Musik Armeniens Komitas Vardapet, der auf Einladung des Vereins Vorträge in Deutschland hielt. Auch der Dramatiker und Schriftsteller Levon Schant oder der spätere Nationalheld Garegin Nzhdeh waren dem Armenisch-Akademischen Verein verbunden. Viele Mitglieder des Vereins bekleideten nach ihrem Studium wichtige Posten, wie zum Beispiel Hakob Manandian, der nach seiner Doktorarbeit in den 1920er Jahren Rektor der ersten Staatlichen Universität Armeniens wurde. Auch Andreas Arzruni, Dekan der Königlichen Technischen Hochschule zu Aachen, förderte den Verein lange Jahre.    
 
Laut einigen Forschern ist der Armenisch-Akademische Verein, der im Jahr 1860 in Leipzig gegründet wurde, die erste von Migranten gegründete Organisation in Deutschland überhaupt, so Ordukhanyan. „Derzeit ist er auch der einzige armenische Verein in Europa, der eine eigene Schriftenreihe herausgibt.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Folge der Massenauswanderung der Armenier aus Deutschland, stellte der Verein seine Tätigkeit ein. Doch damit endete noch lange nicht die Geschichte des Vereins. Im Jahr 2001 wurde der Armenisch-Akademische Verein wieder ins Leben gerufen. 
 
„Dem Verein sind heute zahlreiche Publikationen zu verdanken, die für Musiker wie für die Migrantenforscher von großem Wert sind“, sagt Ordukhanyan. Aber auch durch Konzerte, Ausstellungen, Veranstaltungen und Vorträge macht der Verein auf sich und die armenische Kultur aufmerksam. „Über keine andere armenische Organisation wurde in der deutschen Presse so oft  berichtet, wie über unsere“, sagt er stolz.  

Armenische Tänzerinnen in Bochum, 2014. 
 
Eine große Resonanz hatte der armenische Kulturherbst im Jahr 2014. Vier Monate lang fanden im Ruhrgebiet diverse Veranstaltungen statt. Auch das Ausmaß der Veranstaltungen sei in der deutsch-armenischen Gemeindegeschichte einmalig gewesen.  
 
Der Journalist Marek Firlej schreibt in seinem Artikel für die BSZ Online über die Folkloreveranstaltungen, die den Kulturherbst in Bochum einleiteten, sie seien aufregend, sehenswert und mehr als gut besucht, gefolgt von durchaus ernsten wissenschaftlichen Diskussionen und weiteren Veranstaltungen. „Duduk und Zurna sorgten für Gänsehaut“, schreibt er. „Dort waren diese Klänge Untermalung für eine Vorstellung von kaukasischen Volkstänzen, die im Gedächtnis bleibt. Die insgesamt 30 Tänzerinnen und Tänzer, Musikerinnen und Musiker der Gruppe Geghard erzählten ohne Worte, nur durch Bewegung, Klänge und nicht zuletzt ihre prächtigen Trachten Geschichten aus ihrer gebirgigen Heimat: Das Buhlen um eine Frau, das Versöhnen beim gemeinsamen Schnaps aus dem Trinkhorn. Der Kniefall vor der weiblichen Anmut. Der Männlichkeitsbeweis durch Kampfeswillen“, so Marek Firlej. 

Armenischer Volkstanz, Bochum 2014.
 
„Mit all den Veranstaltungen verfolgen wir ein wichtiges Ziel“, sagt Ordukhanyan. „Wir wollen das Image der Armenier als unterdrücktes Volk ändern und unser altes Image, das von einem Kulturvolk, wiederherstellen. Denn so kannte man uns vor einhundert Jahren. Solche Veranstaltungen halten zudem das Armenische für die Diaspora präsent, die weit weg von Armenien lebt“, sagt Ordukhanyan.  
 
Die letzte Veranstaltungsreihe hieß „armenischer Frühling“ und ging über mehrere Monate. „Er sollte für das armenische Volk den „schwarzen“ Frühling von 1915 durch eine neue, verheißungsvolle Zukunft  ersetzen.“ 

Naturfreunde pflanzen eine Blutbuche für die Opfer des Völkermordes an den Armeniern.
 
Inspiriert von der Aktion…
 
Als die Medien über das Vorhaben des Armenisch-Akademischen Vereins 1860 e.V.  berichteten, fühlte sich die Bochumer Sektion der internationalen Gesellschaft Naturfreunde, die etwa 500 000 Mitglieder weltweit zählt, berührt von der Aktion. Sie spendete eine Blutbuche an den Verein als Gedenken an die Opfer des Völkermordes an den Armeniern. Auch das sei bemerkenswert, „denn zum ersten Mal hat eine deutsche Organisationen uns gegenüber solch eine Geste gezeigt“, sagt Ordukhanyan.  
 
Auch einige deutsche Freunde des Armenisch-Akademischen Vereins, Professoren, Autoren, Politiker und Richter, schenkten ihrerseits Armenien Bäume, die am 17. Oktober 2015 in Jeghegnadsor gepflanzt werden. Jeghegnadsor liegt etwa 100 Kilometer südlich von der Hauptstadt Jerewan und gehört zu den wenigen armenischen Städten, die Deutsch als erste Fremdsprache an Schulen unterrichten. „Es schien uns naheliegend, die Bäume dorthin zu bringen“, sagt Ordukhanyan. Er hofft, dass ihn dabei eine Delegation aus namhaften Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Wirtschaft begleitet. „Wir werden ihnen die Region zeigen und vielleicht ergeben sich daraus langfristige Kooperationen.“ 
 
Ein weiteres wichtiges Vorhaben wartet ebenfalls auf seine Verwirklichung: Die Errichtung eines armenischen Kulturzentrums in Berlin. Das zu errichtende Kulturgebäude ist das Thema einer Masterarbeit gewesen, detailliert erarbeiteten von angehenden Architekten und ihren Universitätsprofessoren und mit Bestnote bestanden. In der ersten Etage sollte die armenische Geschichte gezeigt werden, in der zweiten die Gegenwart und in der dritten die Zukunft. Ein wunderschönes Projekt, für das leider die Mittel fehlen. „Ohne eine zentrale Bibliothek, ein Archivzentrum und ein modernes Kulturzentrum in Berlin kann ich mir die Zukunft der armenische Gemeinde in Deutschland nicht vorstellen“, sagt Ordukhanyan.    
 
 
Titelbild: Pflanzung in der Theodor-Körner-Schule in Bochum, April 2015.
Bilder mit freundlicher Genehmigung des Armenisch-Akademischen Vereins 1860 e.V.
 
Lesen Sie mehr über Theophanu, die armenische Prinzessin auf dem deutschen Thron hier.
 
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Ein kreativer Vermittler zwischen Kulturen